Fahrtag bei der Museumsbahn: was vor dem ersten Pfiff passiert
#1
Glück auf zusammen,
am Wochenende war bei uns Sommerfahrtag, und weil ich oft gefragt werde, was wir da eigentlich den ganzen Tag treiben, hier mal der Ablauf.
Freitagabend wird angeheizt, erst mit Holz, dann mit Kohle. Ganz langsam, damit sich der Kessel gleichmäßig erwärmt. Samstag um fünf steht die Frühschicht an der Lok: Feuer aufbauen, Druck machen, und währenddessen wird abgeölt. Das sind Dutzende Schmierstellen, jede will einzeln bedient werden. Dann Wasser fassen, Kohle bunkern, Lösche aus der Rauchkammer holen, Sand prüfen, Lampen putzen. Gegen neun Bremsprobe, um zehn fährt der erste Zug.
Abends dasselbe rückwärts: ausschlacken, Feuer ausgehen lassen, Lok abstellen, aufräumen. Zu Hause war ich um acht, geduscht um halb neun, und das Badewasser war grau.
Für sechs Stunden Fahrbetrieb stehen also gut und gern zwanzig Stunden Arbeit von einem Dutzend Leuten. Und trotzdem gibt es nichts Schöneres.
Holger
#2
Toll beschrieben, Holger! Ich lese so was immer mit der Airbrush im Hinterkopf. Darf ich dich ausquetschen?
Wo genau sitzt an so einer betriebsfähigen Lok welcher Schmutz? Ich habe Fotos, aber auf denen sieht man nicht, was glänzt und was stumpf ist. Und woher kommen die hellen Laufspuren, die man an manchen Kesseln sieht?
LG Lisa
#3
Gern, das ist ja mal eine Frage. :)
Die hellen Spuren sind Kalk. Überall, wo Wasser oder Dampf austritt und verdunstet, bleibt er zurück: unter den Speiseventilen, an den Sicherheitsventilen, am Abschlammventil. Die Streifen laufen immer senkrecht nach unten.
Glänzend ist nur, was frisch geölt ist: Treib- und Kuppelstangen, Steuerung, Gleitbahnen. Direkt daneben ist alles stumpf. Das Fahrwerk hat ein mattes Graubraun aus Bremsstaub und Öl, die Rauchkammer ist matt und rußig, das Führerhausdach auch. Der Kessel selbst wird bei uns geputzt und hat einen leichten Seidenglanz – bei einer Betriebslok von früher war er eher fleckig.
Merksatz: Stangen glänzen, der Rest schluckt Licht.
#4
Im Kleinen kenne ich das alles. Meine Echtdampflok für die Gartenbahn will auch abgeölt, befüllt und angeheizt werden, nur dass ich nach einer Viertelstunde Druck habe und nicht nach einer Nacht.
Dafür habe ich das Problem, das ihr nicht habt: Wenn meiner Lok unterwegs das Wasser ausgeht, muss ich quer durchs Staudenbeet hinterher. Meine Frau behauptet, man sehe im Rittersporn inzwischen einen Trampelpfad.
Respekt vor eurer Arbeit, Holger. Zwanzig Stunden für sechs – das macht man nur aus Liebe.
Gerd
#5
#6
Mitmachen kann grundsätzlich jeder, und Leute mit technischer Ausbildung werden bei Museumsbahnen mit Kusshand genommen. Aber alle fangen gleich an: mit Besen und Putzlappen.
Auf die Lok kommst du nicht von heute auf morgen. Die Ausbildung zum Heizer zieht sich über Jahre, mit Lehrgängen, Prüfungen und einer Tauglichkeitsuntersuchung. Das ist auch richtig so.
Daneben gibt es hundert andere Aufgaben: Schaffner, Werkstatt, Gleisbau, Wagen aufarbeiten, Fahrkarten, Kuchenverkauf. Ohne die Leute am Kuchenstand fährt bei uns kein Zug, denn davon wird die Kohle bezahlt. Schau einfach bei einer Museumsbahn in deiner Nähe an einem Arbeitssamstag vorbei und frag.
#7
Ich war im Frühjahr mit meiner Modellbahn-AG bei einer Museumsbahn zu Besuch, und für den Physiklehrer in mir war das ein Fest. Die Frage, die bei den Schülern am meisten Eindruck gemacht hat: Wie heiß ist das Wasser im Kessel?
Antwort: weit über 100 °C. Unter Druck steigt der Siedepunkt, bei 12 bar liegt er bei rund 190 °C. Deshalb ist der Wasserstand so wichtig, und deshalb heizt man langsam an – der dicke Stahl soll sich überall gleichmäßig dehnen.
Die Antwort eines Sechstklässlers: „Also ein Schnellkochtopf auf Rädern.“ Besser kann man es nicht sagen.
Beste Grüße, Thorsten
#8
Der Junge hat es begriffen.
Holger, alles richtig beschrieben, und das langsame Anheizen kann man nicht oft genug sagen. Anheizen in Eile hat noch keinem Kessel gutgetan. Bei uns hieß es: Die Lok merkt sich alles, was du ihr antust, und präsentiert die Rechnung, wenn du es am wenigsten brauchst.
Schön, dass es Leute gibt, die das am Leben halten.
Gruß, Karl
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