Geschichten vom Führerstand: die Nacht, in der der Sand nicht lief

04.02.2026 07:31
#1
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Draußen schneit es seit heute Morgen, und bei solchem Wetter fällt mir immer dieselbe Nacht ein. Vielleicht mag sie jemand lesen.

Es war Januar, letzter Zug den Berg hinauf, drei Wagen, vielleicht ein Dutzend Fahrgäste. In einem Einschnitt hatte der Wind den Schnee quer übers Gleis getrieben, nicht hoch, aber nass und schwer. Die Lok fing an zu schleudern. Ich ziehe den Sandstreuer – nichts. Der Sand war feucht geworden und saß in den Rohren fest wie Zement.

Also standen wir. Mein Heizer ist mit Hammer und einem Stück Draht raus und hat die Sandrohre freigeklopft, der Zugführer ist mit der Laterne vorausgegangen und hat geschaut, wie weit die Wehe reicht. Dann haben wir zurückgesetzt, Anlauf genommen und sind beim zweiten Versuch durchgekommen.

Fünfzig Minuten Verspätung am Endbahnhof. Die Wirtin von der Bahnhofswirtschaft hatte trotzdem noch Licht an und einen Topf Erbsensuppe auf dem Herd. Die beste Suppe meines Lebens.

Gruß, Karl

H0e und H0m · Harzer Schmalspur seit Jahrzehnten


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04.02.2026 08:55
#2
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Glück auf Karl, so was lese ich lieber als jeden Roman.

Das mit dem feuchten Sand kennen wir bei der Museumsbahn auch. Bei uns wird der Sand vor dem Auffüllen getrocknet und gesiebt, und wehe, einer lässt den Deckel vom Sandkasten offen stehen. Dann gibt es eine Ansage vom Lokführer, die man drei Gleise weiter noch hört.

Hattet ihr für solche Nächte keinen Schneepflug?

Epoche II/III · Zweileiter DCC · Ruhrgebiet im Modell


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07.02.2026 07:40
#3
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Doch, aber der stand natürlich im Schuppen am anderen Ende der Strecke. So ist das immer. Mit kleineren Schneemengen wird die Lok mit ihren Bahnräumern selbst fertig. Wenn es mehr wurde, fuhr vor dem ersten Zug eine Lok mit Schneepflug die Strecke ab, und für die ganz schlimmen Tage gab es die Schneeschleuder.

Die Weichen aber hat keiner von denen freibekommen. Die wurden mit Besen und Schaufel freigemacht, von Hand, bei jedem Wetter. Daran denke ich jedes Mal, wenn heute im Radio von einer Weichenstörung die Rede ist.

H0e und H0m · Harzer Schmalspur seit Jahrzehnten


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08.02.2026 08:02
#4
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Lieber Karl,

bitte schreib mehr davon – und nicht nur hier. Solche Erinnerungen stehen in keinem Bildband, und wenn sie niemand festhält, sind sie eines Tages weg. Als Bibliothekarin sage ich das mit Nachdruck.

Ein praktischer Vorschlag: Sprich die Geschichten einfach aufs Telefon, so wie du sie erzählst. Dazu jeweils drei Angaben – ungefähr wann, wo, wer war dabei. Das Abtippen und Ordnen ist dann der kleinere Teil, und dabei helfe ich gern.

Herzliche Grüße, Karin

Kleinloks und Nebenbahn-Idylle


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09.02.2026 09:09
#5
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Schöne Geschichte. Als Lokdoktor im Maßstab 1:87 stelle ich fest: Das Problem ist dasselbe, nur die Lösung nicht. Wenn bei mir auf der Werkbank eine Lok am Berg schleudert, hilft kein Sand, sondern ein Satz neue Haftreifen.

Den Hammer und das Stück Draht hätte ich allerdings auch dabeigehabt. ;)

Rainer

Erst reinigen, dann ölen – aber sparsam.


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09.02.2026 14:19
#6
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Ich hab die Geschichte gerade meinem Opa am Telefon vorgelesen, der fand sie großartig.

Eine Anfängerfrage: Was macht der Heizer eigentlich die ganze Fahrt über? Ich dachte immer, der schaufelt halt Kohle. Aber wenn er nebenbei Sandrohre repariert, muss da ja mehr dahinterstecken.

Anfänger mit großen Plänen


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09.02.2026 18:32
#7
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Schaufeln ist der kleinste Teil, Ben. Ein guter Heizer führt das Feuer: wenig Kohle auf einmal, dafür oft und gleichmäßig über den Rost verteilt. Vor allem denkt er voraus. Das Feuer muss vor der Steigung in Ordnung sein, nicht erst mittendrin.

Noch wichtiger ist das Wasser. Der Wasserstand im Kessel darf nie zu tief sinken, das ist die eine Sache, bei der es keinen Spaß gibt. Also speist er rechtzeitig nach, behält Dampfdruck und Wasserstand im Auge, beobachtet auf seiner Seite die Signale mit und ruft sie dem Lokführer zu. Dazu kommt das Abschmieren bei jedem längeren Halt.

Lokführer und Heizer waren ein Gespann. Mit einem guten Heizer war der Dienst ein Vergnügen, mit einem schlechten eine lange Schicht.

H0e und H0m · Harzer Schmalspur seit Jahrzehnten


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10.02.2026 00:14
#8
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Sehr geehrter Karl,

haben Sie – pardon, hast du – herzlichen Dank für diese Schilderung. Ich habe als Kind in den 50er Jahren viele Abende am Bahnsteig unseres Heimatortes verbracht, und beim Lesen war alles wieder da: der Geruch nach Kohlenrauch und heißem Öl, das Zischen, der Schein aus der Feuertür.

Man sah damals als Junge nur die große schwarze Maschine. Dass darauf zwei Männer eine solche Verantwortung trugen, begreift man erst viel später.

Mit freundlichem Gruß, Erwin

Sammler alter Modellbahnen der 50er und 60er Jahre


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10.02.2026 00:36
#9
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Danke, Karl. Ab jetzt stehen bei mir zwei Figuren im Führerstand.

Anfänger mit großen Plänen


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