Alte TT-Rangierlok ruckelt bei Kriechfahrt – Getriebe oder Motor?
#1
Hallo zusammen,
ich habe für die Schul-AG eine gebrauchte dreiachsige TT-Rangierlok aus den Neunzigern bekommen. Mechanisch sieht sie ordentlich aus, aber unterhalb von etwa Fahrstufe 8 (von 28) ruckelt sie im Takt der Radumdrehung, und beim Anfahren macht sie einen Satz. Für Rangieraufgaben mit den Schülern ist das unbrauchbar.
Was ich schon gemacht habe: Räder und Schleifer gereinigt, Gleis gereinigt, Decoder zurückgesetzt. Keine Besserung.
Bevor ich das Getriebe zerlege: Woran erkenne ich, ob Mechanik oder Motor schuld ist? Ein Ruckeln im Takt der Radumdrehung klingt für mich als Physiker nach etwas Periodischem, also eher nach Mechanik?
Gruß, Thorsten
#2
Hallo Thorsten,
richtig gedacht. Periodisch mit der Radumdrehung heißt: Kuppelstangen, Radsatz oder ein Zahnrad auf der Achse. Diagnose in dieser Reihenfolge:
1. Gehäuse ab, Lok auf den Rücken, mit 3 bis 4 V langsam laufen lassen und die Kuppelstangen beobachten. Klemmt eine Stange in einer bestimmten Stellung, sind meist die Radsätze gegeneinander verdreht, oder ein Kuppelzapfen ist verbogen.
2. Motor ausbauen und das Fahrwerk von Hand über eine Glasplatte schieben. Es muss ohne Haker rollen.
3. Altes Fett prüfen. Nach dreißig Jahren ist das oft zu einer wachsartigen Masse verharzt. Komplett raus damit, mit Waschbenzin und Pinsel, dann sparsam neu fetten.
Der Satz beim Anfahren kommt dagegen meist vom Motor oder von der Decodereinstellung.
Gruß, Rainer
#3
Zum Anfahrruck von der Digitalseite: Nach einem Decoder-Reset steht die Lastregelung auf den Werkswerten, und die sind für moderne Motoren ausgelegt. Ein alter dreipoliger Motor braucht fast immer eine weichere Regelung. Welche CVs das sind, hängt vom Decoder ab, das steht in der Anleitung. Faustregel: den Regelanteil in kleinen Schritten senken, bis das Ruckeln im unteren Bereich verschwindet, dann wieder minimal anheben.
Unabhängig davon:
- CV 2 so einstellen, dass die Lok in Fahrstufe 1 gerade eben anrollt
- CV 3 = 15 bis 20 für weiches Anfahren
- 128 Fahrstufen an der Zentrale einstellen, falls noch 28 aktiv sind
Aber erst die Mechanik nach Rainers Liste. Software repariert kein verharztes Getriebe.
Dirk
#4
Ich habe gestern mit zwei Schülern aus der AG zerlegt, schöner Anschauungsunterricht. Befund:
- Fett tatsächlich bernsteinfarben und zäh wie Kerzenwachs
- Fahrwerk rollt ohne Motor mit einem deutlichen Haker pro Umdrehung
- die mittlere Achse hat spürbar Höhenspiel, die äußeren nicht
Der Haker bleibt auch nach dem Entfetten. Die Kuppelstangen sehen gerade aus. Kann der Versatz der Radsätze wirklich von allein verrutschen?
#5
Ja, wenn ein Rad auf der Achse gewandert ist, zum Beispiel nach einem Sturz oder weil die Lok mal mit Gewalt geschoben wurde. Prüfung: Kuppelstangen abnehmen. Rollt das Fahrwerk jetzt sauber, liegt es am Versatz oder an einem Zapfen. Rollt es immer noch mit Haker, schau dir das Achszahnrad unter der Lupe an. Ein gerissenes Kunststoffzahnrad auf der Achse kommt bei Loks in dem Alter immer wieder vor. Der Riss sitzt meist an einer Zahnlücke und klemmt genau einmal pro Umdrehung.
Das Höhenspiel der Mittelachse ist dagegen gewollt, das ist der Ausgleich für Gleisunebenheiten.
#6
Rainer, du hast einen gut: Ohne Stangen derselbe Haker, und unter der Lupe zeigt das Achszahnrad einen feinen Riss. Ein Ersatzzahnrad mit passender Zähnezahl ist bestellt.
Die Schüler waren schwer beeindruckt, dass man einen Fehler durch systematisches Ausschließen findet. Das nehme ich als Unterrichtsbeispiel.
#7
Wenn ich als Sammler etwas beisteuern darf: Solange der Motor ohnehin ausgebaut ist, lohnt ein Blick auf den Kollektor. Schwarze Beläge zwischen den Lamellen entferne ich mit einem angespitzten Holzstäbchen, niemals mit Metall. Die Kohlen sollten noch mindestens 3 mm lang sein. Ein sauberer Kollektor bringt bei alten dreipoligen Motoren oft mehr Laufruhe als jede Elektronik.
Mit freundlichem Gruß
Erwin
#8
Abschlussbericht: neues Zahnrad aufgepresst, Kollektor nach Erwins Methode gereinigt, sparsam gefettet, Lastregelung nach Dirks Faustregel weicher gestellt, CV 3 auf 18. Die Lok kriecht jetzt mit umgerechnet 3 km/h an den Prellbock, ohne Ruck. Seit letzter Woche ist sie die beliebteste Rangierlok der AG.
Herzlichen Dank an die Werkstatt-Fraktion!
Thorsten
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