Was macht ein Fahrdienstleiter eigentlich den ganzen Tag?
#1
Hallo zusammen,
auf meiner Anlage steht seit dem Wochenende ein kleines Stellwerk (Bausatz vom Flohmarkt, erstaunlich gut erhalten). Beim Zusammenkleben habe ich mich gefragt: Was passiert da drin beim Vorbild eigentlich? Ich weiß, dass der Fahrdienstleiter die Signale stellt, aber dann hört es bei mir schon auf.
Konkret:
- Wer entscheidet, welcher Zug zuerst fahren darf?
- Was passiert, wenn ein Zug Verspätung hat?
- Läuft das heute alles über Computer oder gibt es noch echte Hebel?
Uwe, du bist doch vom Fach – magst du einem Anfänger das mal so erklären, dass er es versteht? :)
Gruß, Ben
#2
Hallo Ben,
gerne, das ist ja mein täglich Brot. Kurz gesagt: Der Fahrdienstleiter (Fdl) ist dafür verantwortlich, dass in seinem Bereich Züge sicher fahren. Er lässt Zugfahrten zu, stellt Fahrstraßen ein und bedient die Signale. Ohne seine Zustimmung bewegt sich nichts.
Bevor ein Signal auf Fahrt geht, muss dreierlei stimmen: Der Fahrweg ist frei, die Weichen liegen richtig und sind verschlossen, und keine andere Fahrt kann in die Quere kommen. Das Schöne: Die Stellwerkstechnik erzwingt das. Liegt eine Weiche falsch, lässt sich das Signal gar nicht erst auf Fahrt stellen. Das nennt man Signalabhängigkeit.
Zu deinen Fragen: Die Reihenfolge regelt im Alltag der Fahrplan. Bei Verspätungen wird disponiert – auf großen Strecken macht das eine Betriebszentrale, im kleinen Bahnhof entscheidet der Fdl nach festen Regeln selbst. Und ja, es gibt alles nebeneinander: mechanische Stellwerke mit Hebeln und Drahtzügen, Relaisstellwerke mit Tastenpult und elektronische mit Bildschirm und Maus. Ich habe am Tastenpult gelernt.
Gruß aus Köln, Uwe
#3
#4
Dann wird es langsam, aber es steht nicht. Für jede Störung gibt es eine Rückfallebene. Lässt sich ein Signal nicht auf Fahrt stellen, prüfe ich den Fahrweg auf andere Weise und erlaube die Vorbeifahrt ausdrücklich – per Ersatzsignal oder mit einem schriftlichen Befehl, der dem Lokführer übermittelt wird. Der fährt dann entsprechend vorsichtig.
Das kostet Zeit, und genau so entstehen manche Verspätungen, über die sich Reisende ärgern. Aber der Grundsatz ist seit über hundert Jahren derselbe: Sicherheit geht vor Pünktlichkeit. Im Zweifel bleibt der Zug stehen.
#5
Aus Ingenieurssicht noch eine Ergänzung, weil es für die Modellbahn so schön übertragbar ist: Eine eingestellte Fahrstraße wird festgelegt. Solange der Zug sie nicht vollständig befahren und geräumt hat, lässt sich darin keine Weiche umstellen. Erst danach löst sie sich wieder auf.
Genau dasselbe macht eine Stellwerkssoftware am PC: Fahrstraße anfordern, Abschnitte reservieren, Weichen stellen, Signal auf Fahrt – und über die Rückmelder wird hinter dem Zug wieder freigegeben. Wer das einmal beim Vorbild verstanden hat, konfiguriert seine Software deutlich entspannter.
Viele Grüße, Susanne
#6
Passt gut hierher: Bei unseren Fahrtreffen besetzen wir jeden Modulbahnhof mit einem Fahrdienstleiter, und die Nachbarn telefonieren miteinander. Das klingt bei uns allerdings eher nach „Du, ich schick dir mal den Güterzug rüber“. Uwe, wie lautet das im Original? Ich würde das gern fürs nächste Treffen auf einen Spickzettel schreiben.
Gruß, Micha
#7
Spickzettel ist eine gute Idee, Micha. Auf eingleisigen Strecken läuft das Zugmeldeverfahren sinngemäß so ab:
- Anbieten: „Zugmeldung. Wird Zug 8312 angenommen?“
- Annehmen: „Zug 8312 ja.“
- Abmelden: „Zug 8312 ab 14.“ (gemeint ist die Minute)
- Rückmelden: „Zug 8312 in Neustadt.“ (der Zug ist vollständig angekommen, die Strecke wieder frei)
Jede Meldung wird vom Nachbarn wiederholt und mit Uhrzeit ins Zugmeldebuch eingetragen. Angeboten wird erst, wenn der vorherige Zug zurückgemeldet ist. Und wer einen Zug angenommen hat, darf in die Gegenrichtung keinen eigenen mehr ablassen – das ist der ganze Trick an der Sache.
Für ein Fahrtreffen reicht das völlig. Ihr werdet merken, dass der Betrieb dadurch ruhiger wird.
#8
Kann ich bestätigen. Wir führen bei Betriebsspielen ein vereinfachtes Zugmeldebuch als Tabelle: Zugnummer, angeboten, angenommen, ab, zurückgemeldet. Fünf Spalten, ein Klemmbrett pro Bahnhof.
Der Nebeneffekt ist der eigentliche Gewinn: Niemand fährt mehr einfach los, weil das Gleis gerade frei aussieht. Seitdem hatten wir keinen einzigen Frontalzusammenstoß auf der eingleisigen Strecke mehr. Vorher zwei pro Abend.
Tom
#9
Bei uns auf der Schmalspur ging es auf den schwach befahrenen Abschnitten noch einfacher zu. Da saß nicht in jedem Bahnhof ein Fahrdienstleiter, sondern es gab einen Zugleiter für die ganze Strecke. Das Zugpersonal meldete sich vom unbesetzten Bahnhof per Streckenfernsprecher: angekommen, Strecke geräumt, bitte um Fahrerlaubnis bis zum nächsten Bahnhof. Der Zugleiter führte Buch und wusste so immer, wo jeder Zug steckt.
Im Winter war das Schwierigste daran übrigens nicht die Meldung, sondern die Tür vom Fernsprechkasten. Die war gern zugefroren, und der Zugführer stand mit dem Schlüssel davor und fluchte leise.
Gruß, Karl
#10
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