Eine 01 aus den Sechzigern neben einem aktuellen Modell – ein Vergleich
#1
Verehrte Forengemeinde,
ein glücklicher Zufall hat mir erlaubt, zwei Modelle der Baureihe 01 nebeneinander zu stellen: meine eigene, erworben 1964 vom ersten selbst verdienten Geld, und ein aktuelles Modell, das mir ein Freund für einige Wochen überlassen hat.
Die Alte: Gehäuse aus Metallguss, gut ein Pfund schwer, Gestänge kräftig vereinfacht, die Griffstangen angegossen. Sie läuft nach einer Reinigung des Getriebes wie am ersten Tag, laut und unbeirrbar, und zieht alles, was man ihr anhängt.
Die Neue: freistehende Leitungen, durchbrochene Speichenräder, feinste Beschriftung, dazu Geräusche und ein Fahrverhalten im Schritttempo, das mich staunen lässt.
Mein Fazit: Sechzig Jahre Fortschritt sind unübersehbar. Und doch würde ich die Alte um nichts hergeben. Die eine ist ein Modell, die andere eine Erinnerung.
Mit freundlichem Gruß, Erwin
#2
Glück auf Erwin,
schöner Vergleich, und ich versteh dich gut. Bei mir steht eine alte 44er vom Vater im Regal, die darf einmal im Jahr eine Ehrenrunde drehen.
Was mich interessiert: Wie kommen die beiden mit Radien zurecht? Meine Erfahrung ist, dass die alten Modelle mit ihren stark seitenverschiebbaren Achsen durch jeden Radius gehen, während neue Schlepptenderloks bei 360 mm schon mal am Limit sind.
#3
Eine berechtigte Frage. Die Alte durchfährt mein engstes Gleis mit 360 mm Radius ohne jede Beschwerde, wenn auch mit einem Überhang des Führerhauses, der an eine Straßenbahn erinnert. Das neue Modell schafft diesen Radius laut Anleitung ebenfalls, wirkt aber erst ab etwa 500 mm wirklich wohl. Das habe ich auf dem Probeoval meines Freundes sehen können: Im großen Bogen ist der Lauf seidig, im kleinen spürt man, wie das lange Fahrwerk arbeitet.
#4
Zum Vorbild: Die 01 hat 2 m große Treibräder und einen langen festen Achsstand, der im Original enge Bögen überhaupt nicht mochte. Dass ein Modell sich bei 360 mm – das wären umgerechnet gut 31 m – unwohl fühlt, zeugt nur von Charakter.
Und Erwin: Angegossene Griffstangen hin oder her, die Proportionen der alten Gussloks waren oft erstaunlich gut getroffen. Die Konstrukteure hatten keinen Computer, aber gute Augen.
#5
Erwin, ein Hinweis zur Pflege der Alten: Diese Motoren mit ihren kräftigen Kohlen und dem offenen Kollektor sind fast unverwüstlich, brauchen aber alle paar Jahre Zuwendung. Kollektor mit einem Holzstäbchen und etwas Isopropanol reinigen, die Rillen zwischen den Lamellen vorsichtig mit einem Zahnstocher freikratzen, Kohlen auf Länge prüfen. Je ein Tropfen Öl an die beiden Ankerlager, Fett nur ans Getriebe.
Dann läuft sie auch die nächsten sechzig Jahre.
Rainer
#6
Lieber Rainer, verbindlichen Dank. Der Kollektor war in der Tat dunkel angelaufen. Nach der beschriebenen Behandlung läuft die Maschine spürbar ruhiger und, wie mir scheint, auch eine Spur leiser – wobei „leise“ bei diesem Modell ein relativer Begriff bleibt.
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