Mit dem Schienenbus über die Dörfer – Erinnerungen an den VT 98

08.04.2026 13:25
#1
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Liebe Runde,

über die Ostertage habe ich alte Familienalben sortiert und bin an drei Bildern hängen geblieben: ein roter Schienenbus an einem winzigen Bahnhof im Münsterland, davor meine Großmutter mit Einkaufstasche. Ich muss damals fünf oder sechs gewesen sein und erinnere mich an erstaunlich viel. An den Platz ganz vorn, von dem man dem Triebwagenführer über die Schulter auf die Strecke schauen konnte. An das Brummen unter dem Fußboden. An die Sitzlehnen, die man umklappen konnte, je nachdem, in welche Richtung es ging.

Der Schienenbus gilt ja als Retter der Nebenbahnen: leicht, sparsam, mit wenig Personal zu fahren. Es gab ihn einmotorig als VT 95 und zweimotorig als VT 98, dazu Beiwagen und Steuerwagen.

Wer von euch ist noch damit gefahren? Ich würde gern eure Erinnerungen lesen.

Herzliche Grüße, Karin

Kleinloks und Nebenbahn-Idylle


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08.04.2026 14:15
#2
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Liebe Karin,

du sprichst mir aus der Seele. Ich bin in den 60er Jahren über Jahre hinweg mit dem Schienenbus zur Arbeit gefahren, morgens um zehn nach sechs hin und am späten Nachmittag zurück. Man kannte sich. Der Schaffner verkaufte die Fahrkarten im Wagen, wusste, wer wo ausstieg, und hielt für eine ältere Dame auch einmal eine halbe Minute länger.

Im Winter war es vorn beim Fahrer am wärmsten, im Sommer stand hinten die Tür zum Beiwagen offen. Fahrräder, Milchkannen, einmal ein Korb mit lebenden Hühnern – es fuhr alles mit.

Es war keine komfortable Art zu reisen, aber eine sehr menschliche.

Mit freundlichem Gruß, Erwin

Sammler alter Modellbahnen der 50er und 60er Jahre


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08.04.2026 15:12
#3
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Die Sitzbänke waren hart, die Federung auch, und bei 80 Sachen hat das ganze Fahrzeug gesungen. Aber schön war es trotzdem.

Technisch war der VT 98 übrigens gar nicht so schlicht, wie er aussah: zwei Unterflurmotoren mit je 150 PS, dazu ein Schaltgetriebe, dessen Gangwechsel man im ganzen Wagen gehört und gespürt hat. Erlaubt waren 90 km/h. Auf unserer Nebenbahn in Nordhessen ist er die nie gefahren, da war bei 60 Schluss.

Mein Modell brummt heute dank Sounddecoder fast wie das Original. Nur die harten Bänke fehlen, die muss ich mir dazudenken.

Gruß, Willi

H0 Dreileiter · Epoche III · analog angefangen, digital angekommen


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08.04.2026 16:09
#4
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Dann liefere ich die Nieten dazu.

Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden ist nicht die Motorzahl, sondern das, was vorn dran ist: Der VT 95 hatte nur eine leichte Kupplung und keine normalen Puffer. Der VT 98 bekam reguläre Puffer und Schraubenkupplung und konnte deshalb auch mal einen Güterwagen oder einen Kurswagen mitnehmen. Für Modellbahner mit Nebenbahn ist das ein Freibrief.

Ab 1968 hießen sie dann 795 und 798, die Bei- und Steuerwagen wurden unter 995 und 998 eingereiht.

Jürgen

Niete gezählt, Welt in Ordnung.


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08.04.2026 17:02
#5
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Ich bin leider zu jung für planmäßige Schienenbusse, aber letztes Jahr bei einer Sonderfahrt auf einer Museumsstrecke mitgefahren. Was mich überrascht hat: wie hell das Ding innen ist. Fenster rundum, vorn und hinten auch, man sitzt wie in einem Gewächshaus auf Rädern.

Seitdem konstruiere ich an Zurüstteilen für mein Modell, Dachlüfter und Scheibenwischer. Frage an die Nietenfraktion: Welches Rot ist das eigentlich genau? Auf Fotos reicht die Spanne von Weinrot bis Ziegel.

Druckt, was es nicht zu kaufen gibt.


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08.04.2026 17:53
#6
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Purpurrot, RAL 3004. Das ist das klassische Rot der DB-Dieselfahrzeuge jener Zeit. Dass es auf Fotos so verschieden aussieht, liegt am Film, am Licht und daran, dass der Lack in der Sonne mit den Jahren deutlich ausgeblichen ist. Ein Schienenbus kurz vor der nächsten Lackierung war eher matt-bräunlich als purpurn.

Fürs Modell heißt das: Der Farbton ab Werk stimmt, und ein wenig Aufhellen und Mattieren macht ihn glaubwürdiger.

Niete gezählt, Welt in Ordnung.


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08.04.2026 18:07
#7
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Aus Modulbauer-Sicht ist der Schienenbus das ideale Fahrzeug fürs Fahrtreffen. Mit Steuerwagen muss am Endbahnhof nichts umgesetzt werden, der Triebwagenführer wechselt einfach den Führerstand. Die Garnitur passt an jeden noch so kurzen Bahnsteig, und im Fahrplan füllt sie die Lücken zwischen den Güterzügen.

Bei unserem letzten Treffen ist ein einziger Schienenbus den ganzen Samstag zwischen zwei Endbahnhöfen gependelt. Der Kollege am Regler hatte den entspanntesten Job von allen.

Gruß, Micha

Module verbinden – Menschen auch.


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09.04.2026 13:39
#8
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Habt herzlichen Dank, genau solche Antworten hatte ich mir erhofft. Erwins Hühnerkorb werde ich so schnell nicht vergessen.

Die drei Fotos habe ich inzwischen beschriftet – Ort, ungefähres Jahr, wer darauf zu sehen ist – und zurück ins Album gesteckt. Wer weiß, wer sie in vierzig Jahren wieder herausholt.

Kleinloks und Nebenbahn-Idylle


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