Eure schönste Bahnreise
#1
Hallo zusammen,
Sommerzeit ist Reisezeit, und ich bin gerade zurück von einer Woche Graubünden. Deshalb die Frage: Was war eure schönste Bahnreise?
Meine ist seit Jahren dieselbe, und ich fahre sie trotzdem immer wieder: von Chur über die Albulastrecke und weiter über den Berninapass bis hinunter nach Tirano. Morgens im Tal bei 25 Grad einsteigen, mittags auf über 2.200 Metern am Gletschersee stehen und nachmittags zwischen Palmen ankommen. Dazwischen Kehrtunnel, in denen man die Strecke, auf der man eben noch war, tief unter sich sieht, und das Kreisviadukt kurz vor dem Ziel.
Ich saß diesmal im normalen Regionalzug mit Fenstern zum Öffnen. Das ist viel schöner als hinter Panoramaglas: Man riecht das Heu und hört die Räder in den Bögen singen.
Was steht bei euch ganz oben?
Liebe Grüße
Anna
#2
Liebe Anna,
meine schönste Reise war keine Urlaubsfahrt, sondern eine Dienstschicht. Ein Januarmorgen Anfang der Neunziger, die Strecke auf den Brocken war gerade erst wieder in Betrieb, minus zwölf Grad, klarer Himmel. Ich hatte den ersten Zug hinauf.
Oben standen wir über den Wolken, unter uns das Nebelmeer, und die Lok dampfte im Stand wie ein Teekessel. Wir haben beide nichts gesagt, der Heizer und ich. Dann hat er zwei Becher Kaffee eingeschenkt.
Als Fahrgast würde ich die Strecke heute noch jedem empfehlen, am besten im Winter und auf der offenen Bühne des ersten Wagens, auch wenn einem die Ohren abfrieren.
Es grüßt aus dem Harz
Karl
Liebe Anna,
das Gegenprogramm zu den Alpen: Meine schönste Reise war eine völlig unspektakuläre Nebenbahnfahrt im Münsterland, an einem Sonntag im Mai. Ein Triebwagen, vielleicht fünfzehn Fahrgäste, Bedarfshalte, bei denen der Lokführer tatsächlich aus dem Fenster schaut, ob jemand am Bahnsteig steht. Rechts und links Rapsfelder und Wallhecken, ab und zu ein Bahnübergang mit Andreaskreuz und sonst nichts.
Ich hatte ein Buch dabei und habe keine Seite gelesen.
Seitdem weiß ich, warum meine Anlage keinen Hauptbahnhof braucht.
Herzliche Grüße
Karin
#4
Hallo Anna,
meine Nummer eins: eine Sonderfahrt mit einer Schnellzugdampflok der Baureihe 01 über die Geislinger Steige, mit Schiebelok hinten dran. Ich stand am offenen Fenster im ersten Wagen und hatte hinterher Ruß in den Ohren und ein Grinsen, das zwei Tage gehalten hat.
Als Nietenzähler muss ich natürlich anmerken, dass die Wagengarnitur nicht ganz epochenrein war: Zwischen den grünen Schnellzugwagen lief ein Speisewagen in einer Lackierung, die erst Jahre nach dem Ende des Dampfbetriebs eingeführt wurde. Ich habe es notiert und dann trotzdem dort gegessen.
Jürgen
#5
Hallo Anna,
bei mir ist es die Strecke vor der Haustür: von Freiburg durchs Höllental hinauf nach Hinterzarten und weiter an den Titisee. Auf wenigen Kilometern geht es mehrere hundert Höhenmeter hinauf, durch die enge Schlucht und über das Ravennaviadukt – und das alles im ganz normalen Nahverkehr, mit Wanderern und Schulkindern im Zug.
Ich fahre die Strecke mehrmals im Jahr mit Skizzenblock, weil sie die Vorlage für meine Regalanlage ist. Jedes Mal fällt mir ein Detail auf, das ich noch nicht eingeplant habe. Letztes Mal waren es die Stützmauern am Hang oberhalb der Strecke.
Viele Grüße
Nadine
#6
Tach zusammen,
beruflich sehe ich Züge den ganzen Tag nur als Striche auf dem Bildschirm, deshalb genieße ich es, wenn ich selbst drinsitze. Meine schönste Fahrt: die linke Rheinstrecke von Köln nach Mainz an einem Herbstmorgen, Fensterplatz in Fahrtrichtung links. Loreley, Burgen, Weinberge, und auf der anderen Rheinseite fahren die Güterzüge wie auf einer Modellbahn.
Berufskrankheit: Ich zähle dabei die Signale und überlege, wo der Kollege gerade welchen Zug überholen lässt.
Uwe
#7
Guten Abend,
meine schönste Bahnreise liegt lange zurück: 1963, mit meinen Eltern von Würzburg nach München, gezogen von einer Dampflok. Ich war vierzehn und durfte auf dem Bahnsteig bis ganz nach vorn gehen. Der Lokführer hat mir aus dem Führerstand zugenickt, mehr nicht – aber das hat gereicht, um mich für den Rest des Lebens zu prägen.
Im Abteil gab es hartgekochte Eier und Tee aus der Thermoskanne. Heute fahre ich die Strecke in einem Bruchteil der Zeit, aber die Eier fehlen mir.
Mit Sammlergruß
Erwin
#8
Servus,
bei mir ist es die Strecke vor der Haustür, wie bei Nadine: von Garmisch über Mittenwald hinauf nach Seefeld und dann die lange Rampe hinunter ins Inntal. Der Zug klebt am Hang, unten liegt Innsbruck, und man fragt sich, wer vor über hundert Jahren die Nerven hatte, da eine Bahn hinzubauen. Als Zimmerer schau ich vor allem auf die Lawinengalerien und die Stützbauwerke.
Von der Fahrt hab ich die Idee für meinen Viadukt. Nur ohne die 600 Höhenmeter.
Servus, Martin
#9
Was für schöne Geschichten – von der Dienstschicht im Schnee bis zu den hartgekochten Eiern!
Karl, die Winterfahrt auf den Brocken steht jetzt auf meiner Liste für Februar. Und Karin, du hast recht: Es müssen nicht immer die großen Namen sein. Die Nebenbahn mit Bedarfshalt hat ihren eigenen Zauber.
Nadine, auf der Höllentalbahn war ich noch nie, obwohl sie von mir aus gar nicht weit ist. Das hole ich im Herbst nach, wenn das Laub bunt ist.
Liebe Grüße
Anna
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