Verharztes Getriebe nach 40 Jahren im Karton – Rettung möglich?

24.09.2026 09:38
#1
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Sehr geehrte Mitstreiter,

auf einem Flohmarkt ist mir am vorletzten Wochenende eine kleine Tenderlokomotive der Baureihe 89 aus den frühen sechziger Jahren zugelaufen: Metallgehäuse, äußerlich nahezu unbespielt. Laut Verkäufer lag sie seit etwa 1985 im Originalkarton auf dem Dachboden.

Der Befund: Die Räder lassen sich von Hand keinen Millimeter drehen. Legt man Fahrspannung an, brummt der Motor, bewegt sich aber nicht; ich habe sofort wieder abgeschaltet. Nach dem Abnehmen des Gehäuses zeigt sich, dass das alte Fett zu einer bernsteinfarbenen, harten Masse geworden ist.

Ich repariere seit Jahren alte Motoren, hatte aber noch keinen derart festsitzenden Fall. Womit löse ich das Harz, ohne die Kunststoffzahnräder oder die Lackierung anzugreifen?

Mit freundlichen Grüßen, Erwin

Sammler alter Modellbahnen der 50er und 60er Jahre


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25.09.2026 18:32
#2
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Hallo Erwin,

richtig gemacht: sofort abschalten. Ein blockierter Motor unter Spannung wird heiß, und dann ist die Wicklung hin.

Das Bild kenne ich gut. In neun von zehn Fällen läuft die Lok danach wieder wie am ersten Tag. Mein Ablauf:

  • Motor und Getriebe so weit zerlegen, wie es ohne Abziehen der Räder geht. Vorher die Lage der Teile notieren.
  • Metallteile und Zahnräder 20 bis 30 Minuten in Waschbenzin oder Isopropanol einlegen. Lackierte Teile bleiben draußen.
  • Harz mit einer Zahnbürste und einem angespitzten Holzstäbchen aus den Zahnlücken holen. Kein Metallwerkzeug an Kunststoffzahnrädern.
  • Achslager: einen Tropfen Waschbenzin dran, Rad von Hand hin und her bewegen, abtupfen, wiederholen, bis es frei läuft.
  • Alles trocknen lassen, dann schmieren: harzfreies Feinmechaniköl an die Lager, kunststoffverträgliches Fett an die Zahnflanken.


Sparsam heißt dabei: ein Tropfen von der Nadelspitze pro Lager, nicht mehr.

Gruß, Rainer

Erst reinigen, dann ölen – aber sparsam.


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25.09.2026 19:24
#3
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Rainer hat alles gesagt, nur eins noch aus leidvoller Erfahrung: Kriechöl aus der Sprühdose ist kein Schmiermittel für Modellbahnen. Es löst zwar erst mal alles, kriecht dann aber weiter – auf den Kollektor, in die Kohlen, unter die Haftreifen – und in ein paar Jahren klebt es wieder. Zum Lösen in Ordnung, wenn man es danach restlos auswäscht. Zum Schmieren nicht.

Und wenn die Lok schon offen ist: Schleifer und Kohlen gleich mit anschauen. Nach 40 Jahren Dachboden haben die Federn oft keine Lust mehr.

Gruß, Willi

H0 Dreileiter · Epoche III · analog angefangen, digital angekommen


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25.09.2026 20:02
#4
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Glück auf Erwin,

bei uns in der Museumsbahn-Werkstatt gilt dasselbe im Maßstab 1:1: altes Fett raus, bevor neues reinkommt, sonst rührt man sich Schmirgelpaste an.

Fürs Modell habe ich ein kleines Ultraschallbad, so eins für Brillen. Zahnräder und Gestängeteile fünf Minuten in warmem Wasser mit einem Tropfen Spülmittel, danach sind selbst die Zahngründe blank. Nur den Motor bitte nicht reinlegen!

Glück auf, Holger

Epoche II/III · Zweileiter DCC · Ruhrgebiet im Modell


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25.09.2026 21:01
#5
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Haben Sie alle besten Dank – Verzeihung, habt besten Dank, ich gewöhne mich noch an das Du.

Das Getriebe liegt seit gestern im Waschbenzin, das Harz löst sich in Flocken. Eine Rückfrage an Rainer: Der Kollektor ist schwarz belegt, die Kohlen sind noch etwa 4 mm lang. Reinigen oder tauschen?

Mit freundlichen Grüßen, Erwin

Sammler alter Modellbahnen der 50er und 60er Jahre


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26.09.2026 07:50
#6
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Kollektor: mit einem in Isopropanol getränkten Wattestäbchen abreiben, bis er wieder kupferfarben ist. Die Schlitze zwischen den Lamellen mit einem Zahnstocher auskratzen. Dort sitzt Kohlestaub, der Strom von Lamelle zu Lamelle kriechen lässt, und dann wird der Motor warm und träge.

Kein Schmirgelpapier nehmen. Die Riefen fressen dir danach die Kohlen auf.

4 mm Kohle sind noch gut, die dürfen bleiben. Prüf nur, ob sie in ihrer Führung leicht gleiten und die Federn noch Druck haben. Vor dem Zusammenbau den Motor ohne Getriebe zwei Minuten je Richtung einlaufen lassen.

Gruß, Rainer

Erst reinigen, dann ölen – aber sparsam.


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27.09.2026 07:31
#7
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Vollzugsmeldung: Die kleine 89er hat gestern Abend ihre ersten Runden seit mutmaßlich vier Jahrzehnten gedreht. Zunächst zögerlich und mit hörbarem Unmut, nach zehn Minuten seidenweich. Der Kollektor glänzt, die Kohlen gleiten, und geschmiert wurde von der Nadelspitze, wie verordnet.

Rainer, Willi, Holger: Ich bin Ihnen – euch – sehr verbunden.

Mit Sammlergruß, Erwin

Sammler alter Modellbahnen der 50er und 60er Jahre


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27.09.2026 08:29
#8
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Glückwunsch, Erwin! Und bitte nichts nachlackieren – eine Patina, die über 60 Jahre gewachsen ist, bekommt keine Airbrush der Welt hin :)

LG Lisa

Patina statt Plastikglanz.


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